6. September 2013

Auf den Spuren des ledernen Meisterwerks

Exquisite Schuhmarken auf 280 m² – Unsere neue Schuhabteilung im HIRMER Stammhaus hat sich fast verdreifacht und lässt unseren Schuhliebhabern mit der gigantischen Auswahl keine Wünsche offen.  John Lobb, Dinkelacker, Ludwig Reiter, Paul Smith, Handstich,  Allen Edmonds, Church, Carmina, Zegna, Santoni, Magnanni, Quarvif, Boss, Aldo Brue, TOM, Tom Rusborg, Sebago und Gant im edlen Ambiente. Schuhkenner lieben sie – und wir haben sie alle. Der handgefertigte Herrenschuh – ledernes Kunstwerk und Visitenkarte des modebewussten Mannes! Doch, wie entsteht dieses handwerkliche Meisterstück? Hinter dem traditionellen Schuhhandwerk steckt ein hohes Maß an Spezialwissen und eine tausendjährige Kultur. Anlässlich der Neueröffnung unserer Schuhabteilung vom 30. August, werfen wir einen fachmännischen Blick auf diese handwerkliche Schöpfung. Begleiten Sie uns auf den Spuren der Schuhfertigung und Lederherstellung und erfahren Sie hier alles rund um den Herrenschuh… 

Schuhsohle © StudioLaMagica - Fotolia.com

Wie entsteht ein hochwertiger Herrenschuh? Die Geheimnisse der traditionellen Handwerkskunst:
Bevor sich die industrielle Schuhproduktion im 19. Jahrhundert etablierte, galt das traditionelle Schuhhandwerk bereits vor 4.000 Jahren im alten Ägypten als geachtetes Gewerbe. Der Vorgang der Schuhanfertigung wie wir Sie kennen, ist seit ca. 200 Jahren identisch. Jedoch entwickelte sich eine organisierte Arbeitsteilung im Laufe der Zeit: Der Schuhmacher misst den Fuß und wählt das geeignete Leder, der Leistenbauer modelliert den Holzleisten, der Zuschneider schneidet die Einzelteile zu und der Schaftstepper näht die Lederteile zusammen. Jede Anfertigung eines neuen Schuhs ist eine Herausforderung an langjährige Erfahrung und handwerkliches Geschick. Auch der industriellen Fertigung von Qualitätsschuhen geht ein langer Prozess voraus. In der heutigen Modeindustrie arbeiten Modelleure und Designer ca. 1 Jahr vor der Produktion an der Formentwicklung, wählen bestimmte Lederqualitäten und schaffen neue Modetrends.

Schuhschablone © StudioLaMagica - Fotolia.com

Im ersten Schritt wird ein Maßleisten (Fußabbild aus hochwertigem Holzmaterial – meist Buche) manuell angefertigt, das fundamentale Werkzeug und Symbol der Schuhmacherkunst. Er ist die Basis eines jeden Schuhmodells, denn er bestimmt die Form. Bereits in der griechischen und römischen Antike wurden Holzleisten als Instrument bei der Schuhanfertigung verwendet. Ein perfekter Maßleisten ist über eine Vielzahl von Jahren hinweg brauchbar und wird daher in einem speziellen Aufbewahrungsraum mit geeigneter Temperatur und Luftfeuchtigkeit gelagert. Je nach Anfrage fertigt der Schuhmacher auf dem Leisten ein neues Paar Schuhe.

Im Anschluss wird das Modell festgelegt. Erste Schuhmode entstand durch eine Art Bekleidungsprivileg, als die Stellung des Trägers und Zugehörigkeit zu einer Gesellschaftsstufe oftmals durch bestimmte Schuhmodelle demonstriert wurde. Julius Cäsar favorisierte bei großen Auftritten goldene Stiefel, Nero bevorzugte silberne Sandalen und Karl der Große wählte mit feinsten Edelsteinen besetzte Schuhe.

Nach der ersten europäischen Modewelle im 12. und 13. Jahrhundert, als die Kreuzritter die moderne Version der ehemaligen Schnabelschuhe der Assyrer und Etrusker einführten – eine übermäßige Verlängerung des spätantiken Spitzschuhs – entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlichste Schuhtypen.

Schuhe im Lauf der Zeit:
Der höfische Spitzschuh im 14.Jahrhundert, ein breiter, einfacher Schuh in der Renaissance als Grundmodell für alle Gesellschaftsschichten, hohe Absätze und ausgefallene Verzierungen im pompösen Barock, elegante und zierliche Schuhe im Rokoko, robuste Stiefel mit hohen Schäften im von Kriegen geprägten 18. Jahrhundert.

Bis ins 19. Jahrhundert waren prunkvoll verzierte Schuhe ausschließlich der wohlhabenden Gesellschaft vorbehalten und an höfische Traditionen gebunden. Erst im Zuge der Französischen Revolution (1789-1799) und Emanzipation des Bürgertums entstand das Ideal der gegenwärtigen Herrenmode:
Gleichstellung und Ebenbürtigkeit. Der Schuh sollte nicht länger als demonstratives Machtsymbol fungieren – die Herren ließen somit von ausgefallenen Verzierungen, Farben und Absätzen ab.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Herrenschuhmode überwiegend vom klassischen Halbschuh dominiert – in erster Linie durch die Erfindung der Knöchel bedeckenden Hose, der die Erfindung des Halbschuhs hervorgebracht hat. Die Grundtypen klassischer Schuhmodelle wurden im späten 19. Jahrhundert als Resultat eines Wettbewerbs unter europäische Meister der Schuhmacherkunst geschaffen – lesen Sie hierzu unseren spannenden Blogbeitrag über die wichtigsten Schuhmodelle, die in den Schuhschrank eines jeden Gentlemen gehören.

Leather crafting tools © haveseen - Fotolia.com

Kommen wir nun auf das Herzstück im Prozess der Schuhfertigung:
Wie ist ein handgefertigter Herrenschuh aufgebaut? Grundsätzlich besteht ein Schuh aus zwei Hauptbestandteilen: der obere Bereich des Schuhs wird Schaft genannt, der untere Boden. Der Schaft, die Gesamtheit aller einzelnen Materialteile, die den Hauptteil eines Schuhes bilden, besteht aus dem Oberschaft (das Oberleder– das Narbenbild des Leders sollte daher besonders schön sein)  und dem Futterschaft (alle Schaftteile innerhalb eines Schuhs – das Futterleder sollte eine hohe Saugfähigkeit und Schweißbeständigkeit aufweisen).

Das ausgewählte Oberleder gelangt zusammen mit den Schablonen der Designer in die Zuschneiderei, in der erfahrene Zuschneider die einzelnen Schaftteile mit Messern aus dem Leder ausschneiden. Das Stanzen erfordert ein äußerst genaues Auge und jede Menge Erfahrung. Im Anschluss werden die zugeschnittenen Schaftteile in der Näherei zusammengefügt. Der Boden besteht aus einer Brandsohle (Innensohle) und einer Laufsohle (das Laufsohlenleder sollte robust, abriebfest und wasserabweisend sein).

Die beiden wesentlichen Teile, das Oberteil (Schaft) und der Boden (Sohle), werden – nach unterschiedlichen Macharten – miteinander verbunden:

Rahmengenäht:
Der Oberschaft ist mit dem Futterschaft, der Brandsohle und dem Rahmen ringsum miteinander vernäht. Der Rahmen wird zum Schluss mit der Laufsohle gedoppelt (vernäht).  Ein rahmengenähter Schuh garantiert Ihnen aufgrund der Naturkorkausballung einen absolut hohen Tragekomfort, da Sie nach 3-4 Wochen Tragen Ihr eigenes Fußbett formen. Aufgrund des Rahmens können Sie die durchgelaufene Sohle jederzeit reparieren und sich neu besohlen lassen. Somit bereitet Ihnen ein rahmengenähter Schuh bei entsprechender Pflege viele Jahre Freude.

Schumacher Meisterwerk © viappy - Fotolia.com

Durchgenäht:
Das Oberleder ist mit dem Futterleder, der Brandsohle und der Laufsohle miteinander vernäht – ohne zusätzlichen Rahmen. Man erkennt diese Machart an der Außennaht auf der Brandsohle im vorderen Schuhteil, vorausgesetzt, es wurde anschließend keine zusätzliche Deckbrandsohle darüber geklebt. Ein durchgenähter Schuh fühlt sich leicht und besonders weich an, es ist anfangs kein großes Einlaufen notwendig.

Sacchetto:
Diese Machart stammt aus Italien und bedeutet soviel wie Beutel oder Säckchen. Der Futterschaft wird wie bei einem Mokassin geschnitten – das Oberleder geht um den Schuh herum, anschließend wird eine Moosgummisohle angenäht und über diesen Innenschaft ein Außenschaft klebegezwickt (zusammengeklebt und getackert). Abschließend wird die Laufsohle darunter geklebt. Der Vorderfußbereich ist dadurch extrem elastisch und anschmiegsam.

Ago:
Diese ist die günstigste Machart, da das Oberleder, Brandsohle und Laufsohle geklebt sind. Aufgrund der einfachen Produktion lassen sich viele Schuhmodelle imitieren, allerdings verfügt der Schuh über keine Ausballung, Sie spüren somit alle Unebenheiten des Bodens. Trotz sensationellen Aussehens weist ein geklebter Schuh eine geringe Qualität auf und geht somit aufgrund geringer Haltbarkeit schneller kaputt, da der Oberschaft leicht ausreißen kann.

Schuhmacher Handwerk  © Herbie - Fotolia.com

Endlich fertig!
Nach ca. 200 Arbeitsschritten ist der Schuh fertig gestellt und wird in alle Schuhgrößen produziert. Heutzutage existieren eine Vielzahl an unterschiedlichen Schuhmaßsystemen mit unterschiedlichen Längenbezeichnungen – wer kennt das nicht, der Schuh zu Hause misst Größe 43, der italienische Schuh Größe 42, der nächste 44. Man(n) kommt einfach nicht um´s Anprobieren herum…. Wie die heutigen Schuhgrößen entstanden sind, erklären wir Ihnen in unserem nächsten Blog-Artikel zum Thema Herrenschuhe.

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2 thoughts on “Auf den Spuren des ledernen Meisterwerks

  1. Aliks Bauze sagt:

    Erfolg für Sie! Gute Schuhe! Von den russischen Schuhdesigner ….

    1. Janina Maisel sagt:

      Vielen Dank Herr Bauze!

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