11. September 2013

Lederarten für die Schuhfertigung

Das adäquate Material zur Fertigung von hochwertigem Schuhwerk ist bis heute tierisches Leder. Langlebigkeit und Eleganz eines Schuhs beruhen auf der verarbeiteten Lederqualität, daher ist für den Schuhmacher bei der Auswahl der Lederhäute größte Präzision erforderlich. Gern verwendete Lederhäute stammen vom Schwein, Rind, Kalb, Lamm, Ziege, Hirsch oder Pferd – rares Exotenleder steht heute zum Teil unter Artenschutz. Wollen Sie mehr über die zur Schuhherstellung verwendeten Lederarten und den Vorgang der Lederfertigung wissen?

Für die Anfertigung eines Schuhs sind verschiedene Lederarten notwendig: sehr festes, abriebfestes Sohlenleder, schweißbeständiges Brandsohlenleder, hautfreundliches Futterleder, festes Rahmenleder und selbstverständlich feines Oberleder. Grundsätzlich weist jede Lederhaut eine glatte Narben- und eine raue Fleischseite auf. Man unterscheidet zwei Lederarten: Nappa und Velours.

Nappa (Glattleder): die glatte Narbenseite wird als Außenseite verwendet. Die Art des Bewuchses prägt die äußere Porenstruktur und somit das Narbenbild der Haut. Je zarter der Bewuchs, desto feiner ist die Nappaoptik. Durch entsprechende Zurichtung der Lederhaut kann eine glatte, glänzende Nappaoberfläche hergestellt werden. Hierfür werden Zahmhäute verwendet. Es handelt sich um ruhig lebende Tiere, deren Hautaußenseite fast fehlerfrei ist, dessen Elastizität allerdings aufgrund großer Hautfetteinlagerungen gering ist. Wird die Nappaseite geschliffen, handelt es sich um feines, samtartiges Nubukleder, das auch als Rauleder bezeichnet wird.

Leder Oberfläche braun © Thomas Hecker - Fotolia.com

Velours (Rauleder): die raue Fleischseite wird als Außenseite verwendet. Ein großer Volksirrtum ist die Gleichsetzung von Velours- und Wildleder. Aber wo genau liegt hier der Unterschied? Bei Wildleder handelt es sich ausschließlich um freilebende bzw. wildlebende Tiere, bspw. Hirsch, Reh und Elch. Es sind durchtrainierte Tiere, die ständig in Bewegung sind. Dadurch weist die Lederhaut geringe Fetteinlagerungen auf und zeichnet sich durch eine hohe Elastizität und Reißfestigkeit aus. Allerdings sind deutliche Spuren von Verletzungen, Insektenstiche, Kratzer und anderer Hautschäden zu erkennen, die jedoch ein klares Echtheitssymbol darstellen.

leather background © PRILL Mediendesign - Fotolia.com

Wer hat allerdings die hochwertigsten Lederhäute? Die Alpenländer liefern die reinsten, aber auch die teuersten Häute, da sie kaum Verletzung und Insektenstiche aufweisen. In Asien hingegen werden die Häute in der Monsunzeit durch die Mückenplage sehr durchstochen, somit ist das Narbenbild der Häute intensiver.

Ist von hochwertigem Leder die Rede, handelt es sich um Vollleder, also ungespaltene Häute. Aus Kostengründen wird häufig Spaltleder verwendet, bei dem Lederhäute durch ein Spaltmesser in mehrere Schichten geteilt werden. Dies ist bei dicken Häuten üblich, bspw. beim Rind, Kalb und Schwein. Die oberen Schichten werden für preisgünstiges Bekleidungsleder verwendet, die unteren Schichten sind Abfallprodukte. Dabei weist die oberste Schicht eine glatte Seite und eine raue Seite auf, alle weiteren Schichten verfügen über zwei raue Seiten. Aber Achtung: Spaltleder ist kein Veloursleder!

Wie wird die rohe Lederhaut zu fertigem Bekleidungsleder, das von der Modeindustrie in unsere Bekleidungsgeschäfte und Schuhläden gelangt? Hier erfahren Sie es in 5 Schritten:

Da zwischen Schlachthof und Gerberei oftmals große Distanzen liegen, werden die Lederhäute mit Salz konserviert und anschließend in eine Wasserwerkstatt geliefert. Dies ist wichtig, um der Haut die natürliche Feuchtigkeit zu entziehen – dadurch wird den Fäulnisbakterien die Lebensgrundlage genommen und somit der Verwesungsvorgang verhindert.

Arbeitsschritte an der Rohhaut in der Wasserwerkstatt:
Zunächst werden die Salze mit Wasser abgespült und die Häute mit chemischen Mitteln, Kalk und Schwefelnatrium geäschert. Als Vorbereitung auf den Gerbprozess ruhen die Rohhäute 20-24 Stunden lang in einer Kalklösung, damit die Lederschichten gut aufweichen. Bei diesem Vorgang quillt die Oberhaut auf, der Bewuchs schwemmt ab und das Hautfett wird teilweise entfernt. Hier wird der zukünftige Weichheitsgrad der Lederhaut festgelegt – je intensiver und hochwertiger geäschert wird, desto weicher wird das Leder.

Als nächstes erfolgt das Entfleischen der Rohhaut, bei der die durch Kalk aufgeweichte Lederhaut durch ein Fleischeisen von der Unterhaut abgelöst wird. Um ein vollständiges Eindringen der Gerbstoffe zu ermöglichen, werden beim Entkalken die Kalkreste mit verschiedenen Säuren und Wasser entfernt. Im Anschluss erfolgt das Beizen der Häute durch Enzyme zur Auflockerung des Hautfasergefüges. Im letzten Schritt werden beim sog. Streichvorgang Reststoffe durch ein Streicheisen herausgezogen und Narben abgetragen.

Die gesäuberte Lederhaut, nun Blöße genannt, wird zum Schluss gründlich geprüft und sorgfältig sortiert, denn erst jetzt ist die tatsächliche Qualität der Häute festzustellen – nur makellose Stücke werden weiter verarbeitet. Hochwertige Lederqualitäten haben einen dreiwöchigen Aufenthalt in der Wasserwerkstatt, günstigere Qualitäten halten sich in der Regel eine Woche auf.

Die Gerbung – der wichtigste Arbeitsgang:
Erste Nachweise über dieses Handwerk findet man in ägyptischen Wandmalereien. Beim Gerbprozess werden die Eiweißfasern mit Hilfe von Gerbsäuren in Lederfasern umgewandelt – somit wird die gegerbte Haut bei Wasserkontakt weder brüchig noch steif, verwest nicht und trocknet wieder. Die Qualität des Gerbvorgangs bestimmt somit die Haltbarkeit des Leders – denn bei der Schuhfertigung ist beim Zwicken, Spannen und Klopfen Elastizität und Strapazierfähigkeit gefordert. Bei einer hochwertigen Gerbung werden bis zu 40 Chemikalien verwendet. Man unterscheidet zwischen verschiedenen Gerbarten:

  • Pflanzengerbung: festes Leder im rötlichen Braunton (pflanzliche Stoffe aus Rinden, Hölzer, Wurzeln und Früchten)
  • Weizengerbung: kleine Lammhäute (Naturweizen und Wasser)
  • Chromgerbung: leichtes, weiches und äußerst reißfestes Leder, das hervorragend färbbar und reinigungsfähig ist
    (Metallsalze – ausschließlich Chrom 3 – 85% aller Lederhäute werden mit Chromsalzen gegerbt)
  • Alaun-/Glacegerbung: sehr weiches, weißes Leder, das sich in allen Farben einfärben lässt (weiße Salze)
  • Sämischgerbung (bei Wildhäuten): weiches, hautfreundliches und voll waschbares Leder mit samtartiger Oberfläche (Fischtran)

Zurichten der Lederhäute:
Nachdem die Häute mit Hilfe von Hydraulikpressen entwässert, durch Walzen auf eine gleichmäßige Stärke gebracht werden und die restlichen Gerbstoffe in einem Neutralisierungsbad herausgezogen werden, erfolgt das Färben des Leders in die gewünschte Farbe.

Man kann generell zwei Verfahren anwenden: entweder werden die Blößen bei der Fassfärbung in große Fässer gelegt und in den Farben so lange gedreht, bis die Farbe in alle Fasern eingedrungen ist (durchgefärbtes Leder) oder der Gerber trägt die Farbe mit einem Spritzpistole auf (einseitig gefärbtes Leder). Um ein gutes Farbergebnis zu erzielen, werden die Häute mit synthetischen Lederfarben (Anilin- und Pigmentfarben) gefärbt. Anschließend wird überschüssige Farbe ausgewaschen und  das Leder getrocknet – entweder in einem Trockentunnel, auf einer Glasplatte oder in einem Holzrahmen aufgespannt. Danach führt der Gerber dem Leder das entzogene Fett zu, um Geschmeidigkeit und Glanz zu erzielen und glättet zuletzt die Fleischseite mit einem schweren Handbügeleisen.

Oberflächengestaltung:
Zur Erhaltung von Nappaleder wird die äußere, glatte Narbenseite mit Plüschwalzen zu einem glänzenden Nappaleder zugerichtet. Die Oberfläche kann hochglänzend, seidenmatt bis stumpf bearbeitet werden. Zur Erhaltung von Veloursleder wird die raue Fleischseite mit rotierenden Walzen mit Kratzbeschlag geschliffen, um einen rauen, samtartigen Schliff mit einem matten Glanz zu erzielen. Möchte man die Lederhaut mit einem bestimmten Muster prägen, geschieht dies mit beheizten Stahlplatten und hohem Druck. Zur Beschichtung des Leders wird die Veloursseite mit Kunstharz überzogen, um ihm seine Saugfähigkeit zu entziehen. Zum Schutz gegen Nässe wird die Lederhaut mit Imprägniermittel behandelt, dieses dringt in das Leder ein und umkleidet jede einzelne Faser. Dadurch wird das Leder wasserabweisend und schmutzresistent.

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